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Übergangene Trauer - Ankommen zwischen zwei Welten

Ankommen zwischen zwei Welten. Wenn Integration Schuld verursacht.


Viele Geflüchtete sind äußerlich stabil  aber  innerlich weiterhin im  Exil. Sie funktionieren, engagieren sich, bauen sich ein Leben auf  und erleben dennoch:


  • Schuld wenn Anpassung gelingt

  • Ambivalenz was Ankommen betrifft 

  • Angst, „zu sehr“ Fuß zu fassen

  • Das  Gefühl, etwas zurückzulassen


In meinem aktuellen Artikel spreche ich deshalb bewusst von Exil  als psychologischen Zustand.  Bedeutet: Nicht- Angekommenen bei äusseren Sicherheit, anhaltende Bindung an das Herkunftsland, Identitätsarbeit unter Bedingungen von Verlust und Loyalitätskonflikten.

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Anlässlich des 4. Jahrestages des Angriffskriegs Russlands gegen der Ukraine

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Integration wird oft vor allem funktional verstanden: Sprache lernen, Arbeit finden, den Alltag organisieren, sich im neuen System zurechtfinden. Von außen wirkt das häufig wie ein Zeichen dafür, dass jemand „angekommen“ ist.

In meiner Arbeit mit Geflüchteten erlebe ich jedoch oft etwas anderes. Ich beobachte Folgendes: Sie funktionieren, lernen die Sprache, kümmern sich um ihre Kinder, nehmen Termine wahr, arbeiten oder bilden sich weiter. Und trotzdem berichten sie  in den Gruppen innerlich von etwas ganz anderem: von Ambivalenz, Schuldgefühlen bei positiven Entwicklungen, Unsicherheit darüber, wer sie eigentlich geworden sind, und einer tiefen emotionalen Bindung an das, was sie zurücklassen mussten.  Bei genauerer Betrachtung wird ein Phänomen sichtbar: Exil. Der (beinahe vergessener) Begriff, der früher oft im politischen Kontext verwendet wurde, beschreibt genau diesen innerlichen Zustand und grenzt Migration von Exil. Migration beschreibt zunächst den äußeren Vorgang - den Ortswechsel, den Umzug, die Bewegung von einem Land in ein anderes. Exil beschreibt dagegen den inneren Zustand danach. Es geht um die psychische Erfahrung, zwar in Sicherheit zu sein, sich innerlich aber noch nicht wirklich angekommen zu fühlen. Um das Gefühl, zwischen zwei Welten zu leben. Um die Spannung zwischen dem Wunsch, sich einzuleben, und der Loyalität gegenüber dem Herkunftsland, den Zurückgebliebenen und dem früheren Leben. Von außen wirkt es paradox:  Sie freuen sich über Fortschritte - und fühlen gleichzeitig Schuld. Sie wünschen sich Stabilität - und sabotieren manchmal unbewusst Schritte, die ihnen eigentlich guttun würden. Sie wollen ankommen - und haben gleichzeitig Angst davor, sich „zu sehr“ einzuleben, weil es sich anfühlen könnte, als würde dadurch etwas Wertvolles verloren gehen. Solche Reaktionen sind nicht einfach nur Anpassungsstress. Sie sind oft Ausdruck einer tieferen inneren Arbeit: einer Arbeit an Verlust, Zugehörigkeit, Identität und Loyalität.

Hinzu kommt, dass Belastung im Fluchtkontext meist nicht mit der Ankunft endet. Viele Menschen haben bereits vor der Flucht massive Bedrohung erlebt, während der Flucht Kontrollverlust, Angst und Überforderung, und nach der Ankunft neue Belastungen: Unsicherheit, Integrationsdruck, Sorgen um Angehörige, ständige Nachrichten aus dem Kriegsgebiet. Das bedeutet: Stabilisierung verläuft oft nicht linear. Äußere Sicherheit bedeutet nicht automatisch innere Sicherheit.  Deshalb soll im Zentrum nicht nur die Frage stehen, wie Integration schneller gelingen kann. Genauso wichtig wenn nicht viel wichtiger ist die Frage, wie kann innere Kohärenz wieder wachsen. Wie können Menschen ihre Verluste anerkennen, ohne daran zu zerbrechen. Wie gefühlte und schmerzhafte Ambivalenz nicht als Schwäche, sondern als verständliche Reaktion begriffen wird. Wie eigene Identität nicht fragmentiert und beschnitten werden muss, sondern sich neu zusammensetzen kann -  mit Raum für Herkunft und Gegenwart. Der Begriff Exil hilft dabei, die innere Realität vieler Geflüchteter genauer zu beschreiben. Er macht sichtbar, dass Ankommen nicht nur eine organisatorische oder soziale Aufgabe ist, sondern auch ein psychischer Prozess. Und dass echte Integration nachhaltiger wird, wenn nicht nur äußere Anpassung gelingt, sondern auch die innere Landschaft Beachtung findet.


 
 
 

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